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Nicht nur schöne Worte: Pflege braucht Taten

StR*in Hagenauer präsentiert konkrete Maßnahmen
 
Mi, 11. September 2019

Bei einem Medientermin am Mittwoch, 11. September, präsentiert die Stadt Salzburg dramatische Zahlen: Mit dem Jahr 2019 leben 51.733 Personen (33% der Gesamtbevölkerung), die über 55 Jahre alt sind (Stichtag: 1.1. 2019) in der Stadt. Ausgehend von 2013, wird die Zahl an Menschen über 85 Jahre bis 2025 um fast zwölf Prozent zunehmen (2019: Rund 4.230 Personen). Laut dem Bedarfsplan des Landes gab es bereits im Jahr 2018 über drei Personen im Alter von 80 Jahren oder älter pro Pflegebett. Im Bundesland Salzburg bezogen 2018 9.203 Personen Pflegegeld. Davon 5.192 in den Pflegegeldstufen 4 – 7. Prognosen des Landes sagen bis 2030 eine Zunahme auf über 13.500 Personen voraus. Das ist eine Steigerung um fast 50 Prozent und die Hauptlast dabei wird die Stadt Salzburg tragen. (Pflegegeld: Stufe 4 heißt über 160 Stunden Pflege im Monat. Ab 5 spricht man von außergewöhnlicher Pflegeaufwand und ab 6 ist eine Tag- und Nachtbetreuung notwendig).

Vor mehr als einem Jahr rüttelte Sozial-Stadträtin Anja Hagenauer mit einer markanten Ansage auf („In Salzburg reden alle vom Wolf, aber niemand kümmert sich um die Großmutter“) und nach dem Ergebnis des Pflegegipfels reagiert sie irritiert. „Wenn ich mir die aktuelle Situation ansehe und über die Ergebnisse nachdenke, kann ich nur zum Schluss kommen: Das ist zu wenig! Die Demographie lässt sich nicht wegleugnen. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache und ich finde, da muss auch vom Land eindeutig mehr kommen“, so die engagierte Sozialpolitikerin Hagenauer und weiter: „Wir befinden uns in einer alternden Gesellschaft, in der die „Baby-Boomer“-Generation demnächst ins Pensionsalter vorrückt. Viele reden die Situation schön. Wir aber nicht. Die Zahlen zeigen uns, welche große Herausforderungen auf uns als Gesellschaft zukommen.“

Der Leiter der städtischen Senioreneinrichtungen Christoph Baumgärtner ergänzt: „Immer mehr zu Pflegende und immer weniger Pflegekräfte. Alle Beteiligten bestätigten: Das System ist an der Kippe. Betroffen davon ist die mobile Pflege für daheim genauso wie teilstationäre Tageszentren, Kranken- oder Seniorenwohnhäuser. Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass sich die Anzahl der betreuten Personen im Pflegebereich in der optimistischen
Variante von 2015 auf 2060 um 100 Prozent, in einer pessimistischen Variante um 260 Prozent erhöhen werden.“ Und die Auswirkungen dieser Entwicklungen spürt man bereits an allen Ecken und Enden: Wartelisten werden immer länger. In der Stadt Salzburg warten aktuell über 200 Personen auf einen Betreuungsplatz. Das ist unter anderem auch eine Auswirkung durch den Wegfall des Pflegeregresses. Die Herausforderungen bei der Pflege werden vor allem durch die steigenden Pflegestufen immer anspruchsvoller. „Das setzt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu!“, meint Baumgärtner: „Immer mehr Menschen leiden an Demenz oder anderen (psychischen) Krankheiten. Die Anforderungen an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden dadurch immer höher und im Einzelfall komplexer.“

Pflege ist ein übergreifendes Thema, aber die Zuständigkeit ist klar geregelt
Im Artikel 15. der Bundesverfassung heißt es dazu:
(1) Soweit eine Angelegenheit nicht ausdrücklich durch die Bundesverfassung der Gesetzgebung oder auch der Vollziehung des Bundes übertragen ist, verbleibt sie im selbständigen Wirkungsbereich der Länder.

Wenn sich die Stadt stark in der Seniorenbetreuung engagiert, dann immer zum Wohle der Menschen. Es wäre aber die Aufgabe des Landes die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen und Mittel zur Verfügung zu stellen. Auch finanziell schlägt die Pflege zu Buche: Das durchschnittliche jährliche Wachstum der Pflegekosten für den Zeitraum 2015 bis 2030 liegt, abhängig vom Szenario, zwischen 4,4 und 6,2 Prozent. Während die Ausgaben für das Pflegegeld mit durchschnittlich jährlich 2,5 bis 5,2 Prozent wachsen, entwickeln sich die Nettoausgaben für Pflegedienstleistungen mit jährlich 5,8 bis 7,8 Prozent deutlich dynamischer.
Und so redet Sozialstadträtin Anja Hagenauer Tacheles: „Mir wird bei diesem Thema zu viel geschwurbelt. Bisher wird wenig Konkretes angegangen. Das geht mir einfach zu langsam und daher präsentiere ich heute wichtige Maßnahmen, um endlich gegenzusteuern.“

Ihr Paket „Pflege braucht Taten“ umfasst folgende Punkte:

1. 35 Stundenwoche für Pflegekräfte
Hagenauer bringt eine Reduktion der gesetzlichen Arbeitszeit für Pflegekräfte auf 35 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich ins Spiel. Das hieße für Teilzeitkräfte es werden 17 Stunden gearbeitet und dafür 20 Stunden bezahlt. Das wird die Berufssparte Pflege attraktiver machen und so hofft die Stadträtin, dass man zusätzlich Pflegepersonal bekommt, das bei allen Träger*innen (Kommunen und Private) an allen Ecken und Enden fehlt. „Wenn der Pflegegipfel des Landes eines gezeigt hat, dass alle Träger*innen - ob staatlich oder privat - im selben Boot sitzen“, so Hagenauer. Sie meint weiter, dass bei den steigenden Anforderungen etwaige Pflegekräfte mehr Zeit für die Regeneration und Erholung brauchen werden. Das würde Krankenstände und Ausfallzeiten reduzieren.

2. Gemeinsam international stark auftreten
Es braucht eine Kooperation aller Träger*innen, um international Pflegekräfte zu gewinnen, wie es in Deutschland große Träger und der Bund bereits machen. Die Stadt wird erstmals selbst aktiv und versucht Pflegekräfte aus dem Süden Italiens und Spaniens anzuwerben. „In diesen beiden Ländern gibt es genug ausgebildetes und qualifiziertes Personal und wir werden versuchen, diese gezielt nach Salzburg zu bringen“, so Christoph Baumgärtner. Es gibt dafür internationale Vorbilder. Nach ersten positiven Erfahrungen plant Berlins Universitätsklinik Charité weiter mit Pflegekräften aus dem Ausland. Aus Mexiko sollen künftig pro Jahr 60 neue Krankenschwestern und -pfleger kommen. Ähnliches versucht nun erstmals die Stadt Salzburg. Das Ziel ist, rund 10 Pflegekräfte im nächsten halben Jahr aus dem Süden Europas nach Salzburg zu lotsen. Hier schlägt Hagenauer ein koordiniertes Vorgehen Salzburgs vor: „Wenn wir die Interessen und das Know-how bündeln ist es zum Besten für die Menschen hier. Das Land könnte gemeinsam mit dem AMS vorangehen“, so Hagenauer. Das ist auch nichts Neues: Als vor gut 40 Jahren es in Wien eklatant an Krankenschwestern mangelte, warb man um gut ausgebildete Pflegekräfte von den Philippinen. Man füllte einfach die Personallücke an Pfleger*innen, indem aktiv ausländisches Gesundheitspersonal ins Land geholt wurde.

3. Effiziente Bündelung der Mobilen Dienste
Auch im Bereich der Mobilen Dienste sieht sie Optimierungsbedarf. Durch eine bessere geografische Zuordnung und Aufteilung, könnten Pflegekräfte mehr bei den Menschen sein. Sie würden weniger Zeit im Auto verbringen. Hier verweist Hagenauer auf ein Erfolgsmodell aus Oberösterreich: Dort wurde die Sprengeleinteilung der Mobilen Dienste einer Neustrukturierung unterzogen. Es wurde eine Landkarte erstellt, in welcher neben den Sprengelgrenzen der Mobilen Dienste auch die in den jeweiligen Gemeinden bzw. Statutarstädten tätigen Anbieterorganisationen farblich dargestellt sind. Weiters bildete man multiprofessionelle Teams. Durch diese Teams ist sichergestellt, dass von jeder tätigen Anbieterorganisation sowohl die Mobile Betreuung und Hilfe (Fachsozialbetreuung mit Ausbildungsschwerpunkt Altenarbeit und Heimhilfe) als auch die Hauskrankenpflege angeboten wird. „Somit wird der wichtige Bereich der mobilen Pflege und Betreuung effizienter und einfach besser organisiert“, so Anja Hagenauer. Auch hier müsste - ihrer Meinung - nach das Land vorlegen.
Die Stadt fordert eine zentrale Anlaufstelle für alle Pflegeangelegenheiten (für die gesamte Dauer eines Pflegefalles, inkl. Unterstützung, Abwicklung der Behördenwege, etc.). Es brauche diese zentrale Anlaufstelle, die die (Gebiets)Einteilung und die Koordination der rund zehn Mobilen Dienste übernimmt. In Linz koordiniert die Sozialberatungsstelle „Kompass“ die mobile Pflege. Jeder Wohnadresse ist ein bestimmter Anbieter zugeteilt, um die Wegstrecken möglichst gering halten zu können und somit Synergie-Effekte bestmöglich zu nutzen. „Unsere Seniorenbetreuung ist bereits ein Kompetenz-Zentrum, aber die Stadt kann diese Last nicht allein stemmen. Wir sind zu Gesprächen und zur Zusammenarbeit bereit, gleichzeitig sehen wir das Land am Zug“, meint Hagenauer. Dazu verweist die Stadt auch auf das Arbeitsübereinkommen des Gemeinderates: „Um den steigenden Anforderungen in der Pflege gerecht zu werden, soll das Angebot für Pflege im Generellen und die Betreuung der Angehörigen in enger Abstimmung mit dem Land ausgebaut werden.“ So eine geografisches Einteilung funktioniert bereits bestens im Bereich der „Kinder- und Jugendhilfe“ (Jugendamt)

4. Stadt geht voran
Die Stadt wird weiterhin die internen Maßnahmen weiterentwickeln. Um den Pflegeberuf attraktiver zu machen, hat sich das Team um Christoph Baumgärtner ein paar Benefits einfallen lassen. Diese betreffen bestehende und zukünftige Mitarbeiter*innen . Für Mitarbeiter*innen gibt es neben einer attraktiven Bezahlung, besonders arbeitnehmerfreundliche und flexible Arbeitszeit- und durchgängige Karrieremodelle. Damit ist ein Ausgleich zwischen anstrengenden Beruf, Familie und Freizeit gut möglich. Auch gibt es dienstliche Wohnmöglichkeiten. Acht neue Wohnmöglichkeiten entstehen gerade in der Eniglstrasse. Aktuell bietet die Stadt bereits eine attraktive Bezahlung. Noch besser ist das neue Pflege-Gehaltsschema der Stadt, welches seit Anfang 2019 vom Personalressort geprüft wird. Ein weiterer wichtiger Punkt ist auch die Modernisierung der Pflegedokumentation. Gezielt werden digitale Services entwickelt, um die Arbeit für die Pflegekräfte zu erleichtern. So setzt die Stadt konsequent auf eine digitale Pflegedokumentation, weil die Mitarbeiter*innen sollen sich vor allem um die Menschen kümmern und durch „Verwaltungskram“ möglichst wenig belastet werden. Das ist das Credo der Senioreneinrichtungen. Die bereits erwähnte Seniorenbetreuung erweitert schlüssig ihr Angebot, um pflegende Angehörige bestmöglich zu unterstützen. Hier sind der beliebte mobile Kontakt-Besuchsdienst und der weitere Ausbau des Case Management erwähnt. Um für neue Pflege-Mitarbeiter*innen als Dienstgeberin attraktiver zu werden, startete die Stadt vor drei Wochen einen Kommunikationsschwerpunkt mit Videos in den sozialen Netzwerken.

Finanzierung: Bund und Land müssen liefern!
Durch die mangelnde Valorisierung des Pflegegeldes kommt es zu einer Verschiebung der Finanzierungsverantwortung vom Bund zu Ländern und Gemeinden. Das Pflegegeld wurde in den letzten zehn Jahren nur zweimal valorisiert. Während sich das Pflegegeld um nur 0,6 bis 1 Prozent erhöhte, lag die Inflation bei durchschnittlich zwei Prozent. Auch die Mittel aus dem Pflegefonds reichen nicht aus, um die Nicht-Valorisierung des Pflegegeldes auszugleichen.
Ebenso dramatisch ist der Einnahmen-Entgang durch den Entfall des Pflegeregresses und die Mehrausgaben durch die Reduktion der Vollzahler*innen sowie die steigende Nachfrage nach Pflegeplätzen. Aus zwei Gründen ist die Tarifobergrenzen-Verordnung für Seniorenwohnhäusern des Landes problematisch. Sie deckt erstens die entstehenden Aufwendungen für die Betreuung und Pflege generell nicht ab und zweitens werden die Städte und Kommunen als Betreiber von Seniorenwohneinrichtungen gegenüber den privaten Anbietern klar benachteiligt.


„Mit unserem Aktionsplan ‚Pflege braucht Taten‘ leisten wir einen Beitrag, eine umfassende Pflege für Salzburg weiterhin zu garantieren. Wir wollen pflegende Angehörige in ihrer fordernden Aufgabe unterstützen und die Situation für die Menschen, die im Pflegebereich arbeiten, möglichst angenehm zu gestalten. Die Ideen liegen nun am Tisch und ich hoffe auf eine gemeinsame Umsetzung.“, so Anja Hagenauer abschließend.

Salzburg für Senioren – mehr als sechs Seniorenwohnhäuser
In den letzten Jahren investierte die Stadt an die 70 Millionen Euro in die bauliche Infrastruktur:

* Taxham – Generalsanierung Herbst 2013 bis Sommer 2015 (ca. 13,1 Mio. €)
* Hellbrunn Haus Freisaal – Neubau Frühjahr 2014 bis Ende 2015 (ca. 5,1 Mio. €)
* Liefering – Generalsanierung Herbst 2015 bis Frühjahr 2017 (ca. 12,2 Mio. €)
* Itzling – Neubau Haus Rauchenbichl Herbst 2016 bis Sommer 2018 (ca. 9,5 Mio. €)
* Bolaring – Sanierung Winter 2017 bis Frühjahr 2018 (ca. 130.000 €)
* Nonntal – Neubau Herbst 2017 bis Frühjahr 2019 (ca. 21 Mio €)
* Itzling – Sanierung Haus 3 Beginn Herbst 2019 bis Sommer 2020 (ca. 1,6 Mio. €)
* Aktuell gibt es für 718 Personen Wohnraum in den Seniorenwohnhäusern. Davon sind derzeit 679 belegt.

In der Stadt Salzburg gibt es 1.380 Plätze (inkl. 118 Plätze von exklusiven Seniorenwohnen in der Seniorenresidenz Mirabell – ohne Pflege)
Die Bedarfsberechnung des Landes sieht für die Stadt 1.414 Plätze im Jahr 2025 vor. Der Plan der Stadt sieht eine 50 – 60%ige Abdeckung durch die Kommune vor. Damit hat die Stadt ihre Hausaufgabe gemacht. Jetzt sind das Land am Zug.

Sechs Häuser drei Wohnkonzepte:
Hausgemeinschaftsmodell
* Bolaring
* Hellbrunn Haus Freisaal
* Itzling Haus Rauchenbichl
* Nonntal

Wohngruppenmodell
* Hellbrunn Stöckl
* Itzling Haus 1-3
* Liefering
* Taxham

Wohnen im Haupthaus Hellbrunn 

Welche Dienstleistungen umfasst die formelle Pflege?
Stationäre Betreuungs- und Pflegedienste: Stationäre Betreuung und Pflege (inkl. tages- strukturierende Leistungen) sowie Hotelleistungen (Wohnung und Verpflegung) in eigens geschaffenen Einrichtungen (inkl. Hausgemeinschaften) mit durchgehender Präsenz von Betreuungs- und Pflegepersonal (z. B. Pflegeheime, Pflegewohnhäuser, Seniorenheime).

Teilstationäre Tagesbetreuung: Betreuung und Verpflegung während des Tages für Personen, die nicht in stationären Einrichtungen leben (z. B. Tagesstätten, -zentren).

Mobile Betreuungs- und Pflegedienste: Häusliche Betreuung und Pflege sowie Unterstützung bei der Haushaltsführung (z. B. Hauskrankenpflege, Heimhilfe, Hospiz- und Palliativbetreuung).
Alternative Wohnformen: Einrichtungen für Personen, die aus sozialen, psychischen oder physischen Gründen nicht mehr alleine wohnen können oder wollen und keine ständige stationäre Betreuung und Pflege brauchen.

Kurzzeitpflege in stationären Einrichtungen: Zeitlich befristete Wohnunterbringung (bis zu drei Monaten) mit Verpflegung sowie (re-) aktivierender Betreuung und Pflege.
Case- und Caremanagement: Betreuungs- und Pflegeplanung, Organisation und Vermittlung von Betreuungs- und Pflegediensten (mobil oder an Servicestellen/Stützpunkten), Nahtstellenmanagement.


www.stadt-salzburg.at
Stand: 11.9.2019, Jochen Höfferer