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Natur & Umwelt
Schloss Hellbrunn - Areal

Hellbrunns Wasserautomaten von May A. Woods

Italienische Wasserspiele und Wasserautomaten im Schloss Hellbrunn in Österreich
von May Woods, erschienen in:
FOLLIES, Grottoes and Garden Buildings, Volume 10, No. 4, Spring 1999

Wo gibt es die besten italienischen Wasserspiele aus dem frühen 17. Jahrhundert? Wo kann man Wasserautomaten sehen - Figuren, die durch Hydraulikmaschinen bewegt werden,  die sich drehen, singen, hin- und herbewegen, so wie sie es seit fast 400 Jahren tun? In der Villa d'Este in Tivoli? Oh nein, obwohl sie einst im späten 16. Jahrhundert mit beidem am besten ausgestattet war.

In Frascati vielleicht, wo einige Kardinäle ein Vermögen in die neuesten Erfindungen für den Garten steckten und sich gegenseitig einen Wettbewerb mit extravaganten Attraktionen lieferten. Kardinal Aldobrandinis hocharchitektonischer Barockgarten erhielt Jahre hindurch das höchste Lob von vielen Besuchern, aber seine Wasserautomaten gibt es nicht mehr. Die Wasserspiele, die Monsieur de Montaigne 1581 in der Villa Medici di Castello bei Florenz erfreuten, sind nicht mehr in Betrieb, obwohl einige Gärten, wie jene der Villa Lante und der Villa Garzoni, noch ein oder zwei kleine Springbrunnen haben, die die Besucher mit ihren Wasserfontänen anziehen. Bischof Gilbert Burnet hatte leider recht, als er im Jahre 1685 feststellte, daß "es niemand mehr gibt, der soviel Reichtum auf einmal zur Schau stellt, wie die Italiener in der Errichtung und Ausführung ihrer Paläste und Gärten, und die nachher so wenig tun, um sie zu erhalten". (Dr. Gilbert Burnet, Some letters containing an account of what seemed most remarkable in Switzerland, Italy, London 1724, S. 240, "Einige Briefe, die Berichte darüber enthalten, was in der Schweiz und Italien am bemerkenswertesten erschien".

Frankreich hat keine funktionierenden Wasserautomaten, und, so glaube ich, ebenso wenig Deutschland, obwohl es noch Wasserspiele in der Eremitage in Bayreuth gibt. In England gibt es nur Chatsworths zauberhaften Baumspringbrunnen aus dem 17. Jahrhundert, der belustigte Besucher anspritzt.

Aber in Hellbrunn bei Salzburg gibt es die Wasserspiele und Wasserautomaten, die vor beinahe 400 Jahren errichtet wurden, noch immer, und sie sind noch immer in Betrieb.

Nur hier ist es wirklich möglich, die Vergnügungen eines Gartens aus dem 17. Jahrhundert zu erleben, weil die Wasserspiele und Wasserautomaten eigentlich komplett sind. Aber warum gibt es diese erstaunliche italienische Schöpfung in Österreich, und warum haben sie überlebt, während so viele andere verschwunden sind? Die Antwort in der letzteren Frage liegt in den vier umsichtigen Besitzern und dem konservierungsbewußten Charakter der Salzburger, während der Schlüssel zur ersten Frage der aristokratische, weltliche, humorvolle und tatkräftige Fürsterzbischof von Salzburg, Markus Sittikus Graf von Hohenems (1574-1619) ist.

Schon mit jungen Jahren für die Kirche bestimmt, genoß Markus Sittikus den Großteil seiner Erziehung in Italien. 1601 war er Ehrenschatzmeister am Hof des Kardinals Aldobrandini, dessen Villa in Frascati im Bau war. Auch der Onkel des jungen Priesters, Kardinal Marco Sittico Altemps, hatte ein Landhaus in Frascati - ein weiterer Kirchenmann, der Wert darauf legte, daß glanzvolle Häuser und ihre Gärten aufeinander abgestimmt wurden. Zweifelsohne kannte er viele große Villen jener Zeit, wie die Villa d'Este und die Villa Lante.

1612 wurde Markus Sittikus zum Erzbischof von Salzburg ernannt, und damit wurde er auch der regierende Fürst des unabhängigen Landes Salzburg mit weltlicher wie geistlicher Macht. Kurz nach Amtsübernahme engagierte er Santino Solari, einen Sommerpalast wenige Kilometer vom Zentrum von Salzburg zu bauen, und nach drei Jahren war der Palast mehr oder weniger fertig.

Leider gibt es keine Informationen in den Salzburger Archiven darüber, wer die Gärten entworfen oder wer die beweglichen Figuren und versteckten Spritzbrunnen geschaffen hat. Vielleicht gibt es Aufzeichnungen im Vatikan, die seine Identität enthüllen könnten, aber diese sind derzeit unzugänglich. Daß der Konstrukteur Italiener war, ist sehr wahrscheinlich, da die Sachkenntnis in diesen Dingen in den Händen von Pirro Ligorio in der Villa d'Este (die 1575 fertiggestellt wurde) eine hohe Kunst erreicht hatte. So kann es Markus Sittikus selbst gewesen sein, oder Solari, der die Anlage für die Grotten und Wasserspiele mit der Unterstützung eines Experten, eines italienischen Brunnenbauers, geplant hat.

Der Entwurf für die Wasserautomaten und ihre Maschinerie könnte aber auch aus "Les Raisons des Forces Mouvantes" stammen, das Salomon de Caus geschrieben hat und das sowohl in Französisch als auch in Deutsch 1615 veröffentlicht wurde. Die Illustrationen und Erklärungen in diesem Buch sind so bildlich, daß es nicht schwierig wäre, sie genau so zu kopieren, und die Maschinerie hinter den Grotten hat eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit Caus' Diagrammen. Da das Schloß im Jahr 1615 fertiggestellt worden war, ist es möglich, daß mit den Gärten ungefähr zur gleichen Zeit begonnen wurde und sie mit Hilfe von Caus' Buch fertiggestellt wurden.

Nun zu den Gärten selbst.
Das Schloß liegt an einer Seite eines flachen Tales neben einer bewaldeten Anhöhe mit einem Reservoir mit ständiger Wasserzufuhr, ein lebenswichtiges Element für die Brunnen, Wasserspiele und Wasserautomaten. Ein großes Wasserparterre, das für den Fürsterzbischof angelegt wurde, existiert noch heute, und obwohl es den Berg in der Mitte nicht mehr gibt, ist der Entwurf auf einem Portrait von Markus Sittikus, das im Schloß hängt, im Hintergrund klar erkennbar, es wurde nicht viel verändert. Die Wasserspiele und Wasserautomaten schmiegen sich an den Hügel hinter dem Wasserparterre.

Die heutigen Besucher, ausgerüstet mit einem Sinn für Humor (nur Feiglinge benötigen einen Regenmantel), betreten die Gärten beim Schloß und beginnen den Rundgang beim Fürstentisch.

Zweifelsohne inspiriert durch eine frühere Version in der Villa Lante, handelt es sich hier um einen stattlichen Tisch aus Stein, der in der Mitte der Länge nach einen Weinkühler besitzt, und genug Platz für ausreichend Flaschen für ambitionierte Trinker bietet. Zehn steinerne Hocker stehen um den Tisch herum, wobei jedoch neun von ihnen Düsen in der Mitte des Sitzes haben, so daß der Gastgeber dem Diener jederzeit, wenn er wollte, ein Zeichen geben konnte, seine Gäste zu ärgern oder nüchtern zu machen. Oder er konnte sie mit einem boshaften Spritzer zum Abschied veranlassen zu gehen! Der Tisch steht im Freien inmitten des Römischen Theaters, eine prachtvolle frühbarocke Kulisse mit Kieselmosaiken, Herrscherstatuen, Kreuzblumen, Urnen und Markus Sittikus' Wappen.

Als nächstes kommt die Orpheus-Grotte, in der es eine zauberhafte Darstellung von Orpheus mit Eurydike gibt, die zu seinen Füßen lagert, umgeben von Tieren und vulkanischem Kalkstein. Eurydike trägt nichts außer einem Medaillon mit einem Portrait von Markus Sittikus, und ihre Gesichtszüge haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit Portraits der Gräfin Isabell Mabon/Maron, die der Führer zurückhaltend als die "Muse" des Fürsterzbischofs bezeichnet.

Es geht weiter, vorbei an verschiedenen Teichen in unterschiedlichen Formen, und es kommen die Hauptgrotten, die sich im Erdgeschoß des Schlosses befinden. Die Eingangsfassade hat einen Hauch von manieristischer Absurdität, denn die beiden halbrunden Säulen links und rechts des Eingangs erheben sich nicht aus herkömmlichen runden Fundamenten, sondern aus einem Paar großer Füße.

Die erste Grotte ist Neptun gewidmet und wird wie erwartet von zwei Seepferden bewacht. Aber zu Neptuns Füßen findet man Hellbrunns originellste Sehenswürdigkeit, bekannt als das Germaul.

Ungefähr 30 cm hoch, aus Kupfer und bemalt, ist es die Karikatur eines männlichen Gesichts mit riesigen Ohren, das die Augen rollen und die Zunge herausstrecken kann, alles wird einfach durch einen Wasserstrom hinter der Maske in Betrieb gesetzt. Es macht genau das, was ein freches Kind gegenüber einem hochnäsigen Erwachsenen tun würde, und man sagt, daß es Markus Sittikus' Reaktion auf seine Kritiker repräsentiert. Wahrscheinlich einzigartig und herrlich bizarr.

Daneben ist die Vogelsang-Grotte, wo Vögel an den Wänden sitzen, ihre Schnäbel öffnen und zwitschern, alles mittels Hydraulik.

Auch dies hatte Vorläufer in Tivoli und Frascati und wurde von Caus illustriert. Eine weitere Statue von Neptun, auf einer Felsinsel sitzend, gefolgt von Delphinen, die um ihn herumschwimmen - ein Motiv, das bis ins 18. Jahrhundert sehr verbreitet war.

Bevor man die Neptungrotte verläßt, läßt der Führer die Besucher aus Düsen, die im Deckengewölbe versteckt sind, bespritzen. Und wenn sie nach Sicherheit suchend hinauseilen, betätigt er einen anderen Hebel, um noch weitere versteckte Düsen einzuschalten - aber die Quelle zu verraten, würde den Spaß verderben.

Als nächstes kommen fünf kleine Wasserautomaten, jedes eine perfekt ausgeführte Szene von Holzfiguren in efeuumrankten Mauernischen, die jenseits eines Bächleins zur Betrachtung locken. Ein Messerschleifer, ein Töpfer und ein Müller sind alle hart an der Arbeit in ihrer Werkstatt, während Perseus noch immer versucht, ein Meeresungeheuer zu töten und Apollo den Marsyas schindet, mit makabren Details. Die ersten drei könnten ohne weiteres für die Weihnachtsauslage bei Selfridges hergerichtet werden, die beiden letzteren wären bestens geeignet für das Horrorkabinett in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett.

In der Venusgrotte auf der anderen Seite des Weges ist ein kleiner Brunnen, der eine Wasserkuppel bildet, unter der ein Blumenstrauß frisch gehalten wird.

Hübsch sind auch die beiden Schildkröten, die sich über ein kleines Bächlein hinweg gegenseitig Wasser in das Maul speien.

Es scheint kein Ende von amüsanten Erfindungen in diesem Garten zu geben.

Entlang des Weges gibt es noch weitere Grotten, Teiche und Springbrunnen, aber noch zwei besonders bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten.

Die erste ist das Mechanische Theater, das im Jahre 1752 im Garten errichtet wurde. Es ist eine riesige und umfassende Darstellung des Lebens in einer Provinzstadt mit mehr als 100 Holzfiguren, die sich entweder auf Drehscheiben oder ähnlichem drehen und die mit Gliedern versehen sind, so daß sie sich bücken oder Arme oder Beine bewegen können. Bürger gehen spazieren, Musiker musizieren, Soldaten marschieren, Zigeuner tanzen mit einem Bären, Metzger schlachten ein Kalb, und viele Handwerker sind bei der Arbeit. All diese Aktivitäten werden mit Wasserkraft angetrieben, die Holzräder in Bewegung setzt und zahllose Hebel unter und hinter der Bühne antreibt.
Um dem unvermeidlichen knarrenden Lärm entgegenzuwirken, hat der Konstrukteur, Lorenz Rosenegger, eine hydraulische Orgel hinzugefügt. Die Musik kommt aus einer großen, drehenden Trommel, wie man sie auch in einer Musicbox findet, und ihre Fröhlichkeit komplettiert die geschäftige Szene perfekt.

Schließlich kommt man zu Kronen- oder Midasgrotte, ein rechteckiges Gebäude, dessen Mosaiken und Statuen besonders schön sind. In ihr befindet sich auch ein kleiner Hügel, der mit Meeresgeschöpfen verziert ist, und von dessen Spitze ein kräftiger Wasserstrahl kommt. Eine Metallkrone wird durch die Kraft des Wassers nach oben gehalten, und sie tanzt je nach dem Wasserdruck, den der Führer steuert, nach oben und unten. Etwas ähnliches aus ungefähr der gleichen Zeit gibt es in der Eremitage in Bayreuth.

Man nähert sich der Grotte auf einem Weg, aus dessen beiden Seiten Wasserstrahlen spritzen, die einen Bogen bilden, so daß die Besucher unten durchgehen können. Beim Verlassen der Grotte schaltet der Führer diese Düsen ein, und die Besucher hüpfen schnell, noch trocken, unter dem Bogen hindurch, nicht ohne am Ende von weiteren Wasserstrahlen getroffen zu werden, die unerwarteterweise ihre Richtung ändern, gerade in dem Moment, als sie sich in Sicherheit glauben.

Jeder hat einen Mordsspaß, und am Ende des 20. Jahrhunderts gibt es genauso viel Gelächter als es zweifelsohne vor fast 400 Jahren gegeben hat, denn frühere Besucher der Wasserspiele haben darüber mit viel Vergnügen berichtet. Solche Vergnügungen sind einfach, aber dauerhaft, und es ist vielleicht überraschend, daß derlei Einrichtungen selten in heutigen Gärten zu finden sind.

Und wie steht es mit den Wasserautomaten? Sind wir zu intellektuell für diese beweglichen Figuren? Oder gehören sie heute gar zum Kitsch? Sie haben sicherlich noch die Macht, Faszination auszuüben. Vielleicht erinnern sie uns an die Oxford Street oder Disneyland (die, das dürfen wir nicht vergessen, Massen anziehen, um komplizierte bewegliche Szenerien zu beobachten), und sie passen sicherlich nicht in heutige Gärten. Aber diese Fragen sind irrelevant. Was zählt, ist, daß Hellbrunns Wasserautomaten überlebt haben und uns ein authentisches Bild der Vergangenheit vermitteln.

Früher waren Wasserautomaten elegante Attraktionen, die sich nur Reiche leisten konnten, und in der vorindustriellen Zeit hätten sie die Zuseher in Erstaunen versetzt. Heute müssen wir sie aus der Sicht eines Besuchers des 17. Jahrhunderts betrachten, um die ganze Kraft ihrer Magie zu schätzen, denn wir sind durch zu viele visuelle Erfahrungen übersättigt. Aber das ist unser Problem, nicht jenes der Wasserautomaten. Es ist ein Wunder, daß sie in Hellbrunn überlebt haben. Sie haben noch mehr als genug Originalität und altmodischen Charme, um den Menschen der Jahrtausendwende anzusprechen, würden sie auch noch anderswo existieren oder sogar neu gemacht werden, z. B. in der Villa Aldobrandini.

May A. Woods

Beitrag erschienen in:

FOLLIES - The International Magazine for Follies, Grottoes and Garden Buildings, Volume 10, No. 4, Spring 1999

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Stand: 23.6.2016, Christian Stadler